Kaltschaummatratzen oder doch Federkernmatratzen?
Über Matratzen habe ich schon einiges veröffentlicht. Doch immer wieder tun sich neue Fragen auf. Die häufigste davon möchte ich hier aufgreifen. Sie ist mir per E-Mail zugetragen worden.Herr Kurz schrieb:
Wir haben die Möglichkeit, für unseren Sohn bzw. unsere Tochter (5 und 7 Jahre) eine Kaltschaummatratze (Höhe 14cm) und einen Lattenrost (dieser mit der von Ihnen empfohlenen Lattenzahl von 28) im Schlussverkauf günstig zu erwerben (ursprüngliche Preise: Matratze 498,00 €, Rost 249,00 €). Gilt bei Kindern wegen des geringeren Körpergewichts das Gleiche wie bei Erwachsenen, d.h. Probeliegen unbedingt empfehlenswert?
Was hat es mit Kaltschaummatratzen auf sich? Sind diese Matratzen vergleichbar mit Latexmatratzen? Wenn man einem Matratzenverkäufer glauben soll, gibt es derzeit nichts besseres als Kaltschaummatratzen!? Wir selbst liegen "erfolgreich" auf Tonnen-Taschenfederkern-Matratzen.
Meine Antwort war:
Hallo Herr Kurz, die Liegeprobe bei Kindern bringt nicht viel. Sie sammeln dabei ganz andere Eindrücke als wir Erwachsenen mit unseren gestressten Wirbelsäulen. Wenn die Kids "Ich liege prima" sagen, dann meinen sie nicht unbedingt das gleiche wie wir.
Ihrem Matratzenverkäufer können Sie eine Untersuchung der Landesgewerbeanstalt Bayern vorhalten. Federkerne (FK) sind Kaltschäumen (KS) immer noch überlegen:
Höhenverlust: FK 1,1% -- KS 2,0%
Härteverlust: FK 8,4% -- KS 12,1%
Die Werte wurden im Dauertest ermittelt, der einer 20 Jahre langen strapaziösen Nutzung entspricht. Übrigens: Milben müssen in Federkernmatratzen hungern, denn sie finden 60% weniger Nahrung als im KS.
Die Untersuchung der LGA Bayern rief den Schaumproduzenten Eurofoam auf den Plan. Er kritisierte den Testansatz und gab eine neue Untersuchung in Auftrag, wieder an die Bayern. Bevor ich zu den neuen Ergebnissen komme, muss ich etwas ausholen. Auch ist da noch die Frage von Herrn Kurz: Was ist mit Latex?
Latex ist auch Schaum, allerdings auf der Basis von Milchsaft bestimmter tropischer Pflanzen, also ein Naturprodukt. Reiner Latex ist schwer und fest. Deshalb muss er mit Schäumen aus der Kunststoffchemie aufgelockert werden. Es kommt also auf die richtige Kombination aus Natur und Retorte an, wenn Latex genug elastisch sein soll.
Damit kommen wir zwangsläufig zu den Kunststoffschäumen. Ihren Grundstoff nennen die Chemiker Polyether-Verbindungen. Für die Matratzenproduktion wurden zwei Schaumstoffklassen festgelegt: Standardschaum und Kaltschaum. Letzterer ist hoch elastisch.
Elastizität! Das ist der Punkt, um den sich alles dreht, wenn man Qualität bestimmen, d.h. wonnig schlafen will. Ingenieure und Techniker zerbröseln das natürlich und benennen zwei physikalische Merkmale (Indikatoren):
* Raumgewicht
* Härte
Sie belasten eine Testmatratze wie im richtigen Leben. Ich nenne das mal laienhaft vereinfacht: Sie quetschen sie eine Zeit lang zusammen. Vor und nach der Prozedur wird gemessen. Die Ergebnisse werden ausgedrückt in
* Dickenverlust
* Härteveränderung.
Solche Tests kann man selbstverständlich mit Matratzen der verschiedensten Bauarten machen und vergleichen, also z.B. Schaumstoffmatratzen mit Federkernmatratzen. Man muss das Material vorher nur genau definieren.
Dies hat das LGA Bayern bei seiner 2. Untersuchung penibel beachtet. Es wurden ein Bonellfederkern 2,4 mm (ich kürze ihn wieder mit FK ab) und der Schaumstoff Bultex B40160 (KS) definiert. Die Testergebnisse lauten jetzt:
Dickenverlust: FK 4,3% -- KS 1,7%
Härteveränderung: FK 7,2% -- KS 7,4%
Was soll man als Matratzenkäufer davon halten? Ich sage es Ihnen: Es ist Jacke wie Hose.
Sicher sind die Testergebnisse objektiv, weil physikalisch. Aber unser Komfortgefühl beim Liegen und Schlafen ist subjektiv und so nicht messbar. Ich muss bei der ewigen Matratzenfrage fairerweise passen. Ich kann Ihnen nur herzlichst wünschen: Schlafen Sie gut.
Link zum Thema:
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